Herr Professor Esch, kann man Glück messen?

Glück ist nicht einfach da, sagt Tobias Esch. Vielmehr ist der Mediziner davon überzeugt,
dass die Fähigkeit zum Glück in uns allen steckt. Wie können wir dieses Glück entfalten?
Und welche Rolle spielt unser Körper dabei?

Frage: Was genau untersuchen Sie als Wissenschaftler in der Glücksforschung?

Professor Tobias Esch:
Die Fähigkeit, glücklich zu sein, ist eine universelle biologische Kompetenz.
Was uns glücklich macht, ist sehr aber individuell. Und wenn wir alle diese Fähigkeit haben, dann ist sie nicht durch Zufall da. Eine der wichtigsten Bedeutungen ist möglicherweise, dass uns die unterschiedlichen Arten des Glücks durchs Leben begleiten. Dafür unterscheiden wir in der Regel drei Formen:

  • Das jugendliche Glück, das man mit Vergnügen und Lust verbindet.
    Das Glück der Vorfreude, des Haben-Wollens.
  • Das Glück der Erleichterung; manchmal auch Freude darüber,
    dass Stress auch wieder nachlässt.
  • Das Glück der Zufriedenheit. Dass ich genau richtig bin, am richtigen Ort.
    Mit einem inneren Lächeln. Ein Gefühl, das nicht so laut um die Ecke kommt.

Diese drei Formen können unterschiedlichen Lebensphasen entsprechen, sie können aber auch ineinander übergehen im Lebensverlauf. Sie führen uns wie an einer unsichtbaren Schnur durchs Leben – mit ganz unterschiedlichen Funktionen.

Prof. Tobias Esch: In der Wissenschaft unterscheidet man immer mehr zwischen dem, was wir “Glücklichkeit” nennen würden, im Sinne eines kurzfristigen Zustandes. Und der “Zufriedenheit”, einem Gefühl, das anhaltender und stabiler ist.

Um solche Gefühle zu überprüfen, haben wir verschiedene Möglichkeiten.
Der so genannte wissenschaftliche “Gold Standard” und damit gängiges Prinzip ist:

Wir fragen sie einfach – das mag überraschend einfach klingen. Man lässt die Menschen auf einer Skala ihr eigenes Glück messen.
Und das ist ein gültiges und stabiles Kriterium, um einigermaßen zuverlässige Ergebnisse zu bekommen.

Das zweite ist: Wir messen etwas, an ihnen und mit ihnen.
Wissenschaftlich geht das nur, wenn ich weiß, dass ein Zustand wie “Glücklichsein” bestimmte Korrelationen mit Dingen hat, die ich messen kann. Das klingt banal, aber wenn ich etwas im Hirn messe,
muss ich ja wissen, wonach ich suche.
Wenn ich Blut abnehme, muss ich wissen: Welche Stoffe sind es, die vorhanden sein müssen bei einem Zustand, den ich mit Glück in Verbindung bringe.
Das ist sehr kompliziert, aber wir wissen inzwischen sehr wohl, wonach wir suchen sollen, wenn wir Glücklichsein oder Zufriedenheit messen wollen.

Frage: Wie kann man nun messen, ob ein Mensch glücklich ist?

Glück kann im Körper unterschiedliche Ausprägungen haben.

Professor Tobias Esch:
Bei der ersten Form des Glücks suchen wir nach Aktivitätsmustern, die mit Eigenschaften verbunden sind,
die wir mit Glück oder Zufriedenheit in Verbindung bringen.

Wir zeigen den Probanden beispielsweise Bilder von Schokolade oder spielen ihre Lieblingsmusik vor.
Häufig sind dann im Gehirn Bereiche aktiv, die eine hohe Dichte an Dopamin und Neurotransmittern aufweisen.
Diese Stoffe formen das Gehirn und machen es plastisch, wie wir sagen. Das ist für das Lernen wichtig.
Damit verbunden sind Innovation und inneres Wachstum – und  die Belohnungsareale im Gehirn werden aktiv.
Das könnte man im EEG sehen, allerdings ist das etwas umstritten und nicht so einfach,
man muss kenntnisreich sein und gute Geräte haben.

Auch bildgebende Verfahren wie die Kernspintomographie würden diese Mechanismen zeigen.
Man könnte Blut abnehmen und dort Substanzen finden, die mit dem Dopamin-Stoffwechsel im Zusammenhang stehen.

In der zweiten Form des Glücks geht es vor allem um die Frage: Stress oder nicht Stress? Wie kann ich lernen,
mit Stress umzugehen und das Leben möglichst ohne Burnout zu gestalten.

Wir suchen also nach Stresshormonen wie Adrenalin und Noradrenalin.
Stresshormone und deren Abbauprodukte kann man beispielsweise im Urin finden.

Auch Cortisol, das zweite große Stresshormon. Neuerdings kann man Cortisol auch im Speichel messen.
Das allerdings hängt eher mit chronischem Stress zusammen als mit akutem Stress.
Wissenschaft ist eben nicht so einfach!

Immerhin: Chronischer Stress ist das, was viele Menschen heutzutage krankmacht.

Frage: Macht Stress eher unglücklich, was meinen Mediziner?

Auch die Funktion der Organe verändert sich bei Stress. Zum Beispiel das Herz:
Ein gesundes Herz verändert seine Schlagfrequenz minimal im Sekundentakt,
das nennt man Heart Rate Variability (HRV). Bei Stress ist das Herz nicht mehr so variabel.

Man kann sagen: Wenn jemand chronisch eine verringerte HRV hat,
obwohl es ansonsten körperlich keinen Grund dafür gibt, ist er mit hoher Wahrscheinlichkeit unglücklich.

Und man kann Stress im Hirn messen, also die Hirnrhythmen.
Je nachdem welche Wellen man misst, zeigt an, ob jemand gestresst ist oder in einem Zustand innerer Ruhe

Die dritte Form des Glücks, also die Zufriedenheit, bedeutet die Abwesenheit von chronischem Stress,
auch das sieht man dann bei den Hirnwellen, wie eben angesprochen.

Frage: Welche körperlichen Folgen kann es haben, wenn ich dauerhaft nicht glücklich bin?

Professor Tobias Esch:
Zu den häufigsten medizinischen Folgen gehören sicher Herz-Kreislauf-Erkrankungen,
was mit der engen Beziehung zum Stressphänomen zu tun hat.

Auch Depressionen und Burnout, wenn man Letzteres auch als Krankheit bezeichnen möchte,
gehören dazu – gewissermaßen als “Unglücks-Erkrankungen”.  

Nicht zuletzt die Suchterkrankungen sind in diesem Kontext ebenfalls zu nennen,
denn jene hängen eng mit dem inneren Belohnungssystem zusammen,

welches nun einmal der Dreh- und Angelpunkt des Glückserlebens und einer “Neurobiologie des Glücks” ist.
Natürlich benötigen diese Erkrankungen und “Unglücks-Zustände” unterschiedliche therapeutische Ansätze zur Begleitung.
Aber doch haben sie alle auch etwas mit unserer inneren Selbstregulations-Fähigkeit zu tun.
Und ein Teil unseres Glücks ist hier zu Hause – wie auch ein Teil unseres Unglücks.

Frage: Sie haben einmal gesagt, dass wir zu etwa 40 Prozent diese Vorgänge in unserem Körper beeinflussen können, der Rest sei vorgegeben.
Wenn aber nun die Wissenschaft zumindest teilweise weiß, wie Glück funktioniert – könnte man das dann nicht mit Medikamenten beeinflussen? Was halten Sie von einer Glückspille?

Professor Tobias Esch:
Davon halte ich gar nichts. Denn Glücksgefühle haben auch damit etwas zu tun, dass man selbst etwas geschafft oder erreicht hat.
Dieses Gefühl kann eine Pille nicht bewirken.

Das Interview führte Annika Franck.

Der Mediziner Tobias Esch ist Professor für Integrative Gesundheitsförderung an der Hochschule Coburg
und assoziierter Wissenschaftler an der State University in New York.
Derzeit verbringt er ein Forschungssemester an der Harvard Medical School in Boston/USA.
Einen Schwerpunkt seiner Arbeit bildet das Thema Stress – verbunden mit der Frage,
wie sich Entspannungs- und Meditationsverfahren auf die Gesundheit auswirken können.

2011 erschien sein Buch “Die Neurobiologie des Glücks – Wie die Positive Psychologie die Medizin verändert”.     
Quelle: Internet WDR